Aargauer
Zeitung / Kultur
14.1.2003
Mehr als eine Kinderlieder-Dichterin
Jubiläumsprojekt Theater Marie porträtiert
die Lyrikerin Sophie Haemmerli-Marti
Dem Theater Marie gelingt mit "Zäntume luteri Liebi"
ein stimmungsvoller Theaterabend über die Aargauer Volksdichterin
ohne Anbiederung. Fazit der Premiere in der Aarauer Tuchlaube:
"Zäntume luteri Freud".
Als das Theater Marie zum Kantonsjubiläum ein theatralisches
Projekt über Sophie Haemmerli-Marti (1868 - 1942) ankündigte,
weckte das zwiespältige Gefühle: Schön, dass
diese in Vergessenheit geratene Dichterin wieder ans Licht geholt
wird - aber ist da genug Stoff, genug Qualität? Regisseurin
Lilian Naef merkte bald, dass nicht die literarische Substanz
das Fundament für diesen Theaterabend bilden kann, sondern
die Wirkung der Texte, ihre Kraft, Sehnsucht nach der heilen
Welt zu wecken und Kindheitserinnerungen aufleben zu lassen.
Naef hat die Vorlage von Claudia Storz im Einverständnis
mit der Texterin umgeschrieben, hat theatralisch zugespitzt,
die Figuren aus dem realistischen Korsett der Personendarstellung
gelöst und ihnen präzise Vermittlerrollen zugewiesen.
Sie hat zudem die Musikalität der Haemmerli-Gedichte (wieder
-)entdeckt und geschickt ausgelotet.
Ausgerechnet "Jo eusi zweu Chätzli"
versagt uns das Theater - zumindest als Text
Wie Thimna Fink, Regula Imboden und Kurt Grünenfelder diese
Geschichte einzeln, zu zweit, zu dritt rezitieren, in dialogische
Form bringen oder im Kanon singen, beeindruckt durch Darstellungskraft
und Präzision. So bekommen diese einfachen Verse neue Wirkung
und überraschende Facetten.
Das Stück setzt nicht einfach auf Ohrwürmer, ausgerechnet
das bekannteste Gedicht "Jo eusi zweu Chätzli"
versagt uns das Theater Marie - zumindest als Text. Als Melodie
ist das Lied im Hintergrund präsent, schafft vertraute
Nähe, Stimmung.
Angesiedelt sind die drei Figuren auf der Bühne in einem
Archiv, auf der Suche nach Texten und Zeugnissen der Dichterin.
Geschickt werden Zitate aus der Biographie und den Briefen,
dichterische Texte und Dias einander gegenübergestellt
und zu einem Lebensbogen verwoben. Das beginnt mit Schlaglichtern
auf die Kindheit im Dorf Othmarsingen - "s heimeligscht
vo allne" - und den Erinnerungen an ihre Besuche bei Wedekinds
auf Schloss Lenzburg. Wie sie sich gegen den Vater und die Vorurteile
der Zeit durchsetzt und Lehrerin wird, ist wunderbar in Szene
gesetzt, ebenso dass sie, statt nach Kamerun an eine "
Negerschuel" zu reisen, " de neui Länzbiger Dokter"
heiratet. Die Freude über das erste Kind inspiriert zu
Gedichten. Dass Carl Spitteler ihre "Hampfle Liedene"
als "fast, aber nicht ganz" abtut, schmerzt, aber
hält sie nicht vom Schreiben ab.
Sophie Haemmerli-Marti führte das Leben einer braven Bürgersfrau:
Religion, Moral und der Glaube an das Gute im Menschen sind
ihre Grundwerte. Aber sie fordert auch Gleichberechtigung und
Freiheit. Geschickt wird diese Spannung mit Lehrsätzen
über "Wahre Weiblichkeit" aus dem katholischen
Frauenblatt und dem Gedicht "D Frau deheim und dusse"
aufgebaut und ausgekostet. "Tüend ech d Sunne nid
verhänk:/S Schwizerland brucht Ma und Frau./Lönd is
rote, hälfe, dänke -/Und lo stimme lönd is au!"
Bei diesen biografischen Brüchen setzt Regisseurin Lilian
Naef richtigerweise Akzente und erweitert den eingeschränkten
Blick auf die Kinderliedli-Dichterin. Der Abend gelingt dank
der abstrahierenden Umsetzung die Naefs starke, gestalterische
Handschrift trägt, und Schauspielern, die diese Vorgabe
präzis und lustvoll umsetzen. |
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