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Aargauer Zeitung
2006-03-10
Kultur Zeitung
Düster lastet die Trauer
Theater Das Theater Marie spielt Oscar van Woensels «Vesuvio»
in der Tuchlaube in Aarau.
elisabeth feller
Die Frage «Sein oder Nichtsein» bewegte schon Hamlet.
Weshalb sollte sie nicht auch vier junge Menschen von heute
beschäftigen, die sich übers Internet kennen gelernt
haben, um kollektiven Suizid zu begehen. Nichts soll sie davon
ablenken, weshalb sie ihre Namen gegen Nummern eingetauscht
haben.
Mit «1, 2, 3, 4» sprechen sie sich an, da ihnen
selbst die Anrede mit «Nummer 1» als viel zu intim
erscheint. Dabei ersehnen sie sich, vor ihrem gemeinsamen Tod
am Fusse des Vesuvs, Intimität verzweifelt herbei. Geheimnisse
und erlittene Verletzungen wollen sie einander in diesen letzten
Tagen mitteilen - auf dass ihnen der Schlussstrich umso leichter
falle. Aber dann werden sie jäh mit dem konfrontiert, was
sie anwidert: Leben! Nummer 4 (Thimna Fink) verliebt sich nämlich
in Nummer 2 (Simon Chen). Was nun?
An dieser Stelle entzündet sich ein Hin und Her der Argumente;
ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen den Protagonisten, das uns
anfänglich (aber nur dann) an Igor Bauersimas «norway.today»
erinnert. Tatsächlich muten die Parallen zwischen diesem
Stück und «Vesuvio» verblüffend an, geht
es doch bei beiden um die Gier nach dem «ultimativen Kick»,
dem Tod.
Bei Bauersima stehen zwei knapp 20-Jährige (auch sie haben
sich im Internet gefunden) an der Kante eines norwegischen Berges.
«Weg hier!», sagen sie, doch was das bedeutet -
ob Fall in den Tod oder Wiedereintritt ins Leben - bleibt offen.
Bei Oscar van Woensel macht sich «4» am Ende leise
aus dem Staub. Als sie die Tür öffnet, wird das bunkerähnliche,
schwarze Verlies kurz von Licht beschienen. Kann es für
die verbleibenden «1» (Kurt Grünenfelder),
«2» und «3» (Barbara Gassner) Hoffnungsstrahl
für die Rückkehr ins Leben sein? Die Regie (Nils Torpus)
setzt uns - einmal mehr - einer Achterbahn der Gefühle
aus. Wir wollen, dass die drei aufstehen und «4»
folgen; doch wir sehen, dass sie es nicht tun. Sie bleiben am
Boden sitzen; «2» greift zur Gitarre und wiegt sich
und die anderen in das, wonach sich auch Hamlet sehnt: «Sterben
- schlafen - schlafen. Vielleicht auch träumen!»
Süss können die Träume aber nicht sein. Nicht
nach dem, was die Protagonisten zuvor enthüllt haben: mangelnde
Liebe, Depression, Missbrauch.
Im schmerzlichen Prozess dieses Offenbarens liegt der entscheidende
Unterschied zwischen van Woensel und Bauersima. «Vesuvio»
ist ein schwarz gerändertes Stück, worin Ironie ein
Schattendasein fristet. Regisseur Nils Torpus hellt die Grundstimmung
lastender Trauer dennoch öfter auf; sei es durch antike
Statuen, die subtil-ironisch aufs Örtliche verweisen; sei
es durchs Veranschaulichen einer Liebe, wie sie zwischen «4»
und «2» aufkeimt. «4» will die Hand
von «2» ergreifen, was ihr indes misslingt. Denn
«2» ist von «1» und «3»
mit Klebestreifen gefesselt worden, um eine Flucht zu verhindern.
So sitzt die zum Paket verschnürte «2» der
«4» gegenüber und staunt. Die «3»
wiederum stösst sich an den Liebesbeteuerungen von «4».
Im Kontext vieler Pausen, unruhiger Gänge, heftiger Gesten
und verbaler Ausbrüche ist diese Szene zart und anrührend
komisch. Dergestalt, dass die Tristesse weggespült würde,
wäre nicht jene mittig platzierte Uhr, die während
70 Minuten das Abwärtstrudeln von «1», «2»,
«3» und «4» begleiten würde. Fazit:
eine beklemmende Aufführung eines beklemmenden Stücks.
Oscar van Woensels «Vesuvio» ist ein schwarz gerändertes
Stück, worin Ironie ein Schattendasein fristet beklemmend
Die «1» (Kurt Grünenfelder) bewirft sich mit
Lava. Rolf jenni |
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Neue Luzerner Zeitung
2006-03-24
Luzerner Zeitung StadtLuzern
Kleintheater
Vier wollen gemeinsam in den Tod
Via Internet treffen sich vier Jugendliche zum Suizid. Doch
es ist nicht leicht, das Leben loszulassen. Eine Bühne
mit schwarzen Wänden und antiken Versatzstücken, eine
Digitaluhr zeigt die Zeit an, von draussen ist leichtes Donnern
zu hören. Das Licht geht aus der erste von mehreren Stromausfällen.
«Es geht los, es ist so weit», reagieren die vier
Jugendlichen, die sich im Raum befinden. Draussen brodelt der
Vulkan, dessen Ausbruch sie für ihr Projekt nutzen wollen:
gemeinsam aus dem Leben zu gehen, von den Lavamassen begraben
zu werden. So die Ausgangslage zum Stück «Vesuvio»
des Theaters Marie.
Schwatzen, zögern, zweifeln
Die vier, je zwei junge Männer und Frauen, die ihre Namen
abgelegt und mit Zahlen vertauscht haben, sind via Internet
in Kontakt gekommen und verabredeten den gemeinsamen Selbstmord.
Grund: Sie sind depressiv, kommen nicht mehr heraus aus dem
Tief. Wozu sich abstrampeln, alles nur Schrott! Mit dem Projekt
«Vesuvio» steigen die Aussteiger ein in das Abenteuer
des gemeinsamen Abgangs. Doch so leicht lässt sich das
Leben nicht ad acta legen. Zwischen der Zwei und der Vier entbrennt
plötzlich die grosse Liebe. Zweifel kommen auf, neue Hoffnungen.
Die vier streiten, diskutieren, singen, tanzen, beschimpfen
und versöhnen sich. Letztlich versuchen sie, an ihrem Plan
festzuhalten, erzählen sich, wie abgemacht, ihre Geheimnisse
und Fantasien.
Beklemmendes Spiel
Oscar van Woensel lässt den Ausgang seines Stückes
offen. Unter der Regie von Nils Torpus ist dem Theater Marie,
einer im Aargau beheimateten freien Theatergruppe, eine Inszenierung
gelungen, die in ihrer beklemmenden Grundstimmung einen interessanten
Theaterabend bietet.
Simon Chen, Barbara Gassner, Thimna Fink und Kurt Grünenfelder
haben sich mit Leib und Seele in die Charaktere der vier Aussteiger
und ihre labile Verfassung eingefühlt. Sie machen deren
Gefühlslage spürbar in einer Welt, in der so vieles
aus dem Ruder gelaufen und fast alle Werte ins Schwimmen geraten
sind.
EVA ROELLI |
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