Aargauer
Zeitung
28.11.2003
"Das Leben ist ein Blindflug"
Lüthis Lauf Geglückte
Premiere des Theaters Marie in der Aarauer Tuchlaube
Die Lüthis sind eine typische normale
Schweizer Familie, wie es sie zu Tausenden gibt. Isabelle
Jacobis Stück zeigt, wie aus der Idylle eine Tragödie
wird - nicht im Handumdrehen, aber unaufhaltsam.
MARKUS
BUNDI
Im Sommer fahren die Lüthis jeweils für vier
Wochen nach Basata Village am Roten Meer. Ja, sie fahren.
Und zwar mit dem Wohnmobil 96 Stunden lang. Zum Alltag
in Liebiwil, wo die Familie die restlichen elf Monate
lebt, gehören unter anderem Quartierfeste, die Vater
Clemens (Kurt Grünenfelder) regelmässig veranstaltet.
Dabei werden keine Absenzen geduldet. Die Nachbarn, Paula
(Barbara Gassner) und ihr Mann Bruno (Simon Chen), werden
zur Teilnahme genötigt, die eigene Familie hat komplett
anzutreten.
Der
Kühlschrank als Herzstück
Alles so, wie anderswo auch. Doch der Schein trügt.
Bei den Lüthis ist das Geld knapp. Kernkraft-Techniker
Clemens versucht sich im E-Business ein zweites Standbein
aufzubauen, hat aber gegen die jüngere Konkurrenz,
die ihm nach und nach die Kunden abjagt, keine Chance.
Als dann der Kühlschrank, das "Herzstück
eines zivilisierten Haushalts", den Geist aufgibt,
droht die Familie auseinander zu brechen. Mariana (Thimna
Fink) droht, ihren Mann zu verlassen und nach Rumänien
zurückzukehren. Auch die 18-jährige Tochter
Nicole (ebenfalls von Barbara Gassner gespielt) plant
den Auszug. Einzig der 12-jährige Luca (Daniel Mangisch)
hält seinem Vater treu die Stange, bzw. er hält
sich einfach konsequent an seinen Gameboy.
Ein Unglück kommt selten allein, sagt ein Sprichwort,
und so bleibt auch Vater Lüthi vor weiterem Ungemach
nicht verschont: Er verliert seinen Job- nicht weil er
gekündigt wird, sondern weil er zu stolz ist, sich
bei einer anderen Firma zu entschuldigen. Doch Clemens
kann nicht anders. Die Berner Autorin Isabelle Jcobi hat
eine Figur geschaffen, die einerseits an den klassischen
Patriarchen erinnert und andererseits den guten Kerl meint,
mit dem Herz am rechten Fleck. Lüthis Ehrgefühl,
sein Stolz und der Wille, Verantwortung zu tragen, sind
aber mit der modernen (Arbeits-)Welt nur noch bedingt
verträglich.
Komplex
und einfach zugleich
Regisseurin Lilian Naef legte zu Recht grossen Wert auf
die Figurenzeichnung. Faktisch stehen sechs Protagonisten
auf der Bühne, die sich, je ihrem Charakter entsprechend,
miteinander verstehen oder aneinander reiben. Es sind
kleine Verschiebungen im Zwischenmenschlichen und in seiner
Psyche, die bei Clemens zu einem nicht klar zu benennenden
Zeitpunkt das Fass zum Überlaufen bringen. Dieser
fliessende unscheinbare Übergang steckt schon im
Text von Isabelle Jacobi. Metasprachliches und Unausgesprochenes
vermitteln Tragik und Humor - und lassen zugleich das
höchst labile Gleichgewicht erahnen. Vom bedingungslosen
Glauben an ihn, den Lüthi von seiner Frau fordert,
bis hin zur Erkenntnis, dass das Leben ein Blindflug sei,
ists ein weiter Weg. Obwohl die Katastrophe - von aussen
betrachtet - aus dem Nichts kam, keiner was ahnte und
auch im Nachhinein niemand etwas damit zu tun haben will.
Dank einem raffinierten Bühnenbild (Heidy-Jo Wenger)
- quadratische grüne Hecken auf Rollen - schafft
Lilian Naef immer neue (Aufmerksamkeits-) Räume,
sodass ohne Irritation stummes Spiel und Dialog parallel
laufen können.
Starke
Bühnenpräsenz
Das Theater Marie und das Theater Tuchlaube haben sich
mit "Lüthis Lauf" einen schweren Brocken
zugemutet und die Aufgabe mit Bravour gelöst (abgesehen
vielleicht vom überinszenierten Showdown). Das ist
umso erstaunlicher, weil keiner der Schauspieler je von
der Bühne abgeht, sich die eine oder der andere jeweils
nur kurzzeitig hinter einer der Hecken verbirgt. Herausragend
auch die Leistung von Barbara Gassner, dem neuen Ensemble-Mitglied
des Theaters Marie.
|
Berner
Zeitung
12.12.2003
Schlachthaus Bern
Eine fast fröhliche Tragödie
Die Berner Autorin Isabelle Jacobi hat mit "Lüthis
Lauf" ein Stück über eine typische Schweizer
Familie geschrieben, die zu einem untypisch tragischen
Ende kommt. Jetzt im Schlachthaus Theater.
Renate Dubach
Mutter Mariana ist soeben in einen Vorstand gewählt
worden und möchte ihre erste Sitzung nicht verpassen.
Auf das Kebab, das zu ihren Ehren serviert wird, freut
sie sich speziell. Die 18-jährige Tochter Nicole
möchte den Abend lieber mit einer Freundin verbringen.
Der sechs Jahre jüngere Sohn Luca ist noch zu jung,
um eine eigene Meinung zu haben, geschweige denn zu äussern.
Das Nachbarehepaar Paula und Bruno sieht sich genötigt,
ein paar wenig überzeugende Ausreden zu erfinden.
Die Einwände, das Händeringen, die nach unten
gezogenen Mundwinkel - das alles prallt an Vater Clemens
ab, wie ein rohes Ei an einer blank polierten Kühlschranktüre:
Am Samstagabend wird grilliert und damit basta.
Mit der Eingangsszene von "Lüthis Lauf"
ist die Atmosphäre festgelegt: Wer im Quartier wohnt,
hat gefälligst am Quartierleben teilzunehmen. Die
Familienmitglieder sollen Vorzeigequartierfestler sein.
Clemens Lüthi bestimmt, wo es lang geht, die andern
müssen folgen. Und zwar bis in den Tod, wenn er es
so will. "Lüthis Lauf" ist schliesslich
eine Familientragödie.
Fünf Kilo Crevetten
"Lüthis Lauf" ist eine Koproduktion der
beiden Aarauer Theater Marie und Tuchlaube, dem Schlachthaus
Theater und dem Zürcher Theater an der Winkelwiese.
Geschrieben hat es die 1969 geborene Isabelle Jacobi,
die als ehemalige Sängerin der A-capella-Gruppe "Single
Belles" bekannt ist. Sie hat ihr viertes Theaterstück
eng an die Realität angelehnt. Immer wieder, auch
in jüngster Vergangenheit, liest und hört man
von Dramen, die sich in sogenannt gutbürgerlichen
Familien abspielen: Eltern bringen erst ihre Kinder und
anschliessend sich selber um. Ehemänner nehmen ihre
Familien mit in den Tod. Kinder richten ihre Eltern. Natürlich
haben diese Tragödien ihre Hintergründe. Bloss
sehen diese die Nachbarn nicht - oder realisieren zu spät,
was sich hinter den properen Fassaden abgespielt haben
muss.
Isabelle Jacobis Familie Lüthi ist zwar überzeichnet,
aber eigentlich genau so eine. Eine, die am Grillfest
fünf Kilo Riesencrevetten serviert, obwohl kein Geld
für einen neuen Kühlschrank vorhanden ist. Eine,
die jedes Jahr vier Wochen am Roten Meer verbringt, obwohl
sie im Wohnmobil hinfahren muss. 96 Stunden lang, weil
sie sich eine Flugreise für vier Personen nicht leisten
kann. Diese amüsanten Überzeichnungen bringen
den dringend nötigen Abstand. Ebenso wie die von
der Regisseurin Lilian Naef sparsam - und deshalb umso
wirkungsvoller - eingesetzten "Sprachchoreographien".
Wenn zum Beispiel Lüthis ihre Wohnmobilfahrt nachspielen,
sprechen sie nach - und miteinander perfekt getimte Kurzbeschreibungen
der Reise.
Wenig
Geld, viel Stolz
Es liegt an der starken Inszenierung, dass man sich "Lüthis
Lauf" gerne ansieht. Lilian Naef hat ihr Ensemble
fest im Griff und lässt es kaum von der Bühne.
Die Lüthis (Kurt Grünenfelder, Thimna Fink,
Barbara Gassner und Daniel Mangisch) und die Nachbarn
(Barbara Gassner in einer Doppelrolle und Simon Chen)
spielen ihre Rollen überzeugend.Sie werden vom witzigen
Bühnenbild von Heidy Jo Wenger unterstützt:
Mit knallgrünen Gartenhecken auf Rollen gestalten
die Schauspielerinnen und Schauspieler unablässig
neue Räume im Raum. Unauffällig und ohne Umbauphasen
verwandelt sich die Grillplatz-Szenerie in eine Computerfirma
oder ein Personalbüro. Denn Lüthi, der zuwenig
Geld und zuviel Stolz hat, versucht es erst mit einem
"zweiten Standbein in der Informatik". Das geht
nicht gut. Dann verliert er auch noch seinen Job, weil
er es nicht fertig bringt, sich für eine Dummheit
zu entschuldigen. Anschliessend nimmt die Tragödie
ihren Lauf, Lüthis Lauf halt.
Das
Stück zum Artikel
Ohne die leicht grotesken Einschübe, ohne die durchchoreographierten
Bewegungsabläufe und Verwandlungskünste der
Schauspielerinnen und Schauspieler, müsste man
dem Stück vorwerfen, dass es bloss die Realität
abbildet, dass es quasi das Stück zum Zeitungsartikel
wäre. Denn obwohl die Figuren klar gezeichnet sind
und die einzelnen Texte sprachlich geschliffen und makellos
formuliert sind, kommt Lüthis Verwandlung vom manchmal
recht gutmütigen und wohlmeinenden Patriarchen
zum Familienmörder etwas unvermittelt.
Deshalb geht es dem Publikum wie den Nachbarn, Freunden
und verbliebenen Familienmitgliedern, wenn sie von einem
Familiendrama vernehmen: Sie begreifen das drastische
Ende nicht. Es hätte doch bestimmt eine Lösung
gegeben. Die Medien berichten allerdings allzu oft das
Gegenteil.
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Der
Bund
12.12.2003
Wenn der Vater zum Monster wird
Uraufführung von "Lüthis
Lauf" der Berner Autorin Isabelle Jacobi mit dem
Theater Marie aus Aarau
Während Simon Amman an den Weltmeisterschaften Höhenflüge
gelingen, läuft im Leben des 43-jährigen Kernkraftwerk
- Technikers Clemens Lüthi alle schief: In der grössten
Sommerhitze steigt der Kühlschrank aus, seine rumänische
Frau stellt Forderungen, die Tochter leidet an einer Essstörung,
der Sohn verschanzt sich wortlos hinter seinem Gameboy.
Lüthi verliert die Stelle. Er wirkt ganz ruhig, organisiert
ein Quartierfest, tröstet den Nachbarn. Doch innerlich
bauen sich Verzweiflung und Aggression auf so weit auf,
dass er eines Nachts seine Frau und Kinder umbringt und
sich selbst zu erschiessen versucht.
Die Zeitungsberichte im Programmheft über Amok laufende
Familienväter rufen erneut Fassungslosigkeit und Unverständnis
hervor. Ein Fall aus der Agglomeration Bern aus dem letzten
Jahr ist besonders deutlich in der Erinnerung haften geblieben.
Von ihm ausgehend versucht Isabelle Jacobi in "Lüthis
Lauf", sich der unfassbaren Tat anzunähern und
mögliche Ursachen herauszuarbeiten.
"Lüthis Lauf" baut auf der Annahme auf, dass
das selten eintretende Schreckliche und Abnormale uns viel
über die Normalität sagt. Jacobi lenkt die Aufmerksamkeit
weg vom Psychogramm des Täters auf gesellschaftliche
Zusammenhänge, auf den
"Alltag zwischen ödem Arbeitsplatz, manischen
Grilladen und sexueller Flaute", in dem die unfassbare
Tat wurzeln könnte. Möglicherweise hat es mit
dem primär soziologischen Blickwinkel zu tun, dass
das Stück trotz dem aufwühlenden Stoff eigenartig
kühl lässt und die Figuren zwischen Karikatur
und realistischer Alltäglichkeit klischiert und oberflächlich
bleiben.
Die in Rhytmus und Tonfall ein wenig eintönige Inszenierung
von Lilian Naef überzeugt vor allem in ihrem ästhetischen
Konzept und ihrer praktischen Einfachheit: Rollende Buchswände,
symbolisch für die die Privatsphären trennenden
Hecken, erlauben elegante und rasche Übergänge.
Die grellen Farben, die Nachbarin mit den Barbie-Haaren
und dem türkisen Outfit, der knallgrüne Grasteppich
und die schneeweissen Gartenmöbel aus Plastik wecken
Assoziationen mit Amerika. Lüthis Cowboy-Hut erinnert
an die gewaltdominierte Welt des Wilden Westens. Mit der
Computerspiel-Plastikästhetik vermischt sich die Kleinbürger-Biederkeit
der Schweizer Agglomerationsgemeinde Liebiwil inklusive
Barbecue, Wohnmobil und Brot backenden Müttern.
Überzeugender Lüthi
Die subtil eingesetzte Musik schafft ein unbestimmtes Gefühl
von Bedrohung, und die Mittagsnachrichten im authentischen
DRS -Ton - Jacobi arbeitet als Redaktorin bei Radio DRS
- mit Schauernachrichten von Bombenangriffen in Afghanistan,
Konkursen, Maul - und Klauenseuche bilden einen bedrückenden
Hintergrund für Lüthis Tat.
Auf allen Ebenen - Text, Inszenierung und Spiel - überzeugt
die Figur von Lüthi, vor allem im zweiten Teil des
Stücks, wenn er sich von seiner Familie entfremdet,
sie belügt, ihnen als überdrehter Weihnachtsmann
etwas vorspielt und in eine verzweifelte Einsamkeit abdriftet.
Optimismus und Glücklichsein werden erzwungen und anstrengend.
Der bewunderte Erzeuger und Ernährer fühlt sich
als Versager - "frühpensioniert, lächerlich,
ausgeträumt, impotent" -, stilisiert sich aber
im Gedanken an den Amoklauf selbst zum Helden herauf, der
seine geliebte Familie von der erbärmlichen und ungerechten
Existenz befreit: "Ich pflücke sie im Schlaf,
ich hebe sie wie Engel mit Flügeln" - womit sich
der Kreis zu Simon Ammans Flugkünsten schliesst.
Zum zweiten Helden des Familiendramas ernennt sich der als
einziger Mundart sprechende zwölfjährige Sohn,
der das Geschehen in der Ästhetik und Logik seiner
Computerspiele reflektiert und gegenüber seinem zum
Monster gewordenen Vater die Heldenrolle einnimmt. In eine
auf Zerstörung, Angst und Hass gründende Phantasiewelt
lässt sich die unfassbare Tat leichter integrieren
als in das schmucke Einfamilienhaus quartier, in dem schwierige
Fragen offen bleiben.
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Der
Bund
12.12.2003
Wenn der Vater zum Monster wird
Uraufführung von "Lüthis
Lauf" der Berner Autorin Isabelle Jacobi mit
dem Theater Marie aus Aarau
Während Simon Amman an den Weltmeisterschaften Höhenflüge
gelingen, läuft im Leben des 43-jährigen Kernkraftwerk
- Technikers Clemens Lüthi alle schief: In der grössten
Sommerhitze steigt der Kühlschrank aus, seine rumänische
Frau stellt Forderungen, die Tochter leidet an einer Essstörung,
der Sohn verschanzt sich wortlos hinter seinem Gameboy.
Lüthi verliert die Stelle. Er wirkt ganz ruhig, organisiert
ein Quartierfest, tröstet den Nachbarn. Doch innerlich
bauen sich Verzweiflung und Aggression auf so weit auf,
dass er eines Nachts seine Frau und Kinder umbringt und
sich selbst zu erschiessen versucht.
Die Zeitungsberichte im Programmheft über Amok laufende
Familienväter rufen erneut Fassungslosigkeit und
Unverständnis hervor. Ein Fall aus der Agglomeration
Bern aus dem letzten Jahr ist besonders deutlich in der
Erinnerung haften geblieben. Von ihm ausgehend versucht
Isabelle Jacobi in "Lüthis Lauf", sich
der unfassbaren Tat anzunähern und mögliche
Ursachen herauszuarbeiten.
"Lüthis Lauf" baut auf der Annahme auf,
dass das selten eintretende Schreckliche und Abnormale
uns viel über die Normalität sagt. Jacobi lenkt
die Aufmerksamkeit weg vom Psychogramm des Täters
auf gesellschaftliche Zusammenhänge, auf den
"Alltag zwischen ödem Arbeitsplatz, manischen
Grilladen und sexueller Flaute", in dem die unfassbare
Tat wurzeln könnte. Möglicherweise hat es mit
dem primär soziologischen Blickwinkel zu tun, dass
das Stück trotz dem aufwühlenden Stoff eigenartig
kühl lässt und die Figuren zwischen Karikatur
und realistischer Alltäglichkeit klischiert und oberflächlich
bleiben.
Die in Rhytmus und Tonfall ein wenig eintönige Inszenierung
von Lilian Naef überzeugt vor allem in ihrem ästhetischen
Konzept und ihrer praktischen Einfachheit: Rollende Buchswände,
symbolisch für die die Privatsphären trennenden
Hecken, erlauben elegante und rasche Übergänge.
Die grellen Farben, die Nachbarin mit den Barbie-Haaren
und dem türkisen Outfit, der knallgrüne Grasteppich
und die schneeweissen Gartenmöbel aus Plastik wecken
Assoziationen mit Amerika. Lüthis Cowboy-Hut erinnert
an die gewaltdominierte Welt des Wilden Westens. Mit der
Computerspiel-Plastikästhetik vermischt sich die
Kleinbürger-Biederkeit der Schweizer Agglomerationsgemeinde
Liebiwil inklusive Barbecue, Wohnmobil und Brot backenden
Müttern.
Überzeugender Lüthi
Die subtil eingesetzte Musik schafft ein unbestimmtes
Gefühl von Bedrohung, und die Mittagsnachrichten
im authentischen DRS -Ton - Jacobi arbeitet als Redaktorin
bei Radio DRS - mit Schauernachrichten von Bombenangriffen
in Afghanistan, Konkursen, Maul - und Klauenseuche bilden
einen bedrückenden Hintergrund für Lüthis
Tat.
Auf allen Ebenen - Text, Inszenierung und Spiel - überzeugt
die Figur von Lüthi, vor allem im zweiten Teil des
Stücks, wenn er sich von seiner Familie entfremdet,
sie belügt, ihnen als überdrehter Weihnachtsmann
etwas vorspielt und in eine verzweifelte Einsamkeit abdriftet.
Optimismus und Glücklichsein werden erzwungen und
anstrengend. Der bewunderte Erzeuger und Ernährer
fühlt sich als Versager - "frühpensioniert,
lächerlich, ausgeträumt, impotent" -, stilisiert
sich aber im Gedanken an den Amoklauf selbst zum Helden
herauf, der seine geliebte Familie von der erbärmlichen
und ungerechten Existenz befreit: "Ich pflücke
sie im Schlaf, ich hebe sie wie Engel mit Flügeln"
- womit sich der Kreis zu Simon Ammans Flugkünsten
schliesst.
Zum zweiten Helden des Familiendramas ernennt sich der
als einziger Mundart sprechende zwölfjährige
Sohn, der das Geschehen in der Ästhetik und Logik
seiner Computerspiele reflektiert und gegenüber seinem
zum Monster gewordenen Vater die Heldenrolle einnimmt.
In eine auf Zerstörung, Angst und Hass gründende
Phantasiewelt lässt sich die unfassbare Tat leichter
integrieren als in das schmucke Einfamilienhaus quartier,
in dem schwierige Fragen offen bleiben.
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Neue
Zürcher Zeitung / Zürcher Kultur
26.3.2004
Durchgeschmortes Ego
"Lüthis Lauf" an der Winkelwiese
Clemens Lüthi, simpler Techniker in einem Kernkraftwerk,
lebt über seine Verhältnisse: Er hat sich wohl
mit dem Hauskauf übernommen. Doch ein Zurückkrebsen
gibt es für ihn nicht, zu sehr hängt sein im
Grunde schwaches Ego an den äusseren Zeichen des
Erfolgs. So verwundert es nicht, dass ihm ausserordentlich
viel an einem Quartierfest liegt, an dem er mit einer
Riesenportion Riesencrevetten zu protzen gedenkt. Dafür
nimmt er in Kauf, seine Nachbarn und seine Familie zu
tyrannisieren. Doch bis die Party steigt, geht - oder
läuft oder, noch eher: hetzt - Lüthi durch ein
Martyrium: Sein zweites berufliches Standbein bricht weg,
seine unzimperlichen Methoden, die Konkurrenz zu bekämpfen,
fliegen auf, und schliesslich verliert er sogar die Stelle.
Im Titel von Isabelle Jacobis Stück "Lüthis
Lauf" schwingt ein mögliches drittes Wort mit:
Amok. Sinnigerweise erscheint ein Kurzschluss im Kühlschrank
als Auftakt zum privaten GAU Lüthis, der mit dem
Durchschmoren seines Egos endet: Die Crevetten, Lüthis
Rückversicherung für den letzten Rest von Selbstwertgebühl,
drohen zu verderben. Lilian Naef geht denn auch in ihrer
Inszenierung von allgemeinem Kühlungsverlust aus:
Fast alle Figuren sind dem Druck ihrer Frustrationen und
Aggressionen von Beginn weg nicht gewachsen und vermögen
ihren Schutzmantel nur noch Augenblicke lang dicht zu
halten. Kurt Grünenfelder als Lüthi macht zuerst
eine Ausnahme und zieht eine regelrechte Nummer als kumpelhafter
Cowboy ab. Danach jedoch folgt er mit immer maskenhafterem
Grinsen der ihm vorgegebenen selbstzerstörerischen
Spirale. Heidy-Jo Wengers Bühnenbild mit unheilvoll
akkurat geschnittenen beweglichen Hecken akzentuiert die
Gesellschaftsgroteske, die Jacobi auch im Sinn gehabt
hat. Das Schönste an der Aufführung des Theaters
Marie - derzeit als Gastspiel im Theater an der Winkelwiese
zu sehen - ist, dass die zupackenden Methoden von Autorin
und Regisseurin zwar rasch durchschaubar erscheinen, aber
immer wieder schmerzliche Einsichten in die verheerende
Wirkung ökonomischen Drucks auf ein Familiensystem
vermitteln.
Tobias Hoffmann
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