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Aargauer Zeitung
2005-10-28
Kultur Zeitung
Theater zwischen Stille und Wahnsinn
Theater Marie Gelungene Premiere von Ödön von
Horváths «Glaube Liebe Hoffnung» in einer
Regie von Lilian Naef. Der Abend ist eine Koproduktion des
Theater Marie mit dem Aarauer Theater Tuchlaube
Geraldine Capaul
Es ist dunkel auf der Bühne. Leise erklingt Klaviermusik.
Weisse Stellwände und einige Holzklötze sind die
einzigen Requisiten. Aber nicht nur beim Bühnenbild wurde
mit minimalistischen Mitteln gearbeitet. In ihrer neusten
Produktion «Glaube Liebe Hoffnung» von Ödön
von Horváth hat das Theaterensemble Marie erneut auf
Reduktion gesetzt. Und erneut gelingt es den fünf Schauspielerinnen
und Schauspielern, diese Reduziertheit zu nutzen.
Die Geschichte spielt vor dem Zweiten Weltkrieg in der Weltwirtschaftskrise.
Es geht um eine junge Handelsreisende, die versucht, finanziell
über die Runden zu kommen. Erfolglos. Sie kommt mit der
Justiz in Berührung und gerät in einen Teufelskreis.
Elisabeth, wie die junge Frau im Stück heisst, will sich
das Leben nehmen.
Diese Elisabeth, gespielt von Barbara Gassner, führt
durch das Stück. Vom naiven Mädchen, das auch in
schwierigen Zeiten noch Hoffnung hat, wird sie zur desillusionierten
Frau - voller Hass, der sie in den Wahnsinn treibt. Von 13
anderen Figuren wird sie begleitet: einige tragen sie für
kurze Zeit, um sie danach wieder fallen zu lassen, andere
behandeln sie schon von Beginn an mit Herab-lassung. 14 Figuren
also für 5 Schauspieler. Das ist mutig. Dem Ensemble
gelingt es aber, sich in die unterschiedlichen Figuren zu
versetzen, und sie unterbrechen auch beim Rollenwechsel keinen
Moment lang die Intensität des Stückes. Regisseurin
Lilian Naef lässt die Schauspieler mit der Stille arbeiten.
In einfachen Kostümen sitzen sie nebeneinander, ohne
etwas zu sagen. Trotzdem haben sie das Publikum auf ihrer
Seite - denn auch in diesen stillen Abschnitten werden die
Zuschauer nicht unruhig.
Dank der Stille tritt die schlichte Sprache Horváths
in den Vordergrund. Der Dramatiker schrieb in einer Kunstsprache,
die vom Ensemble übernommen wird. Zwischen der Steifheit
und Einfachheit des Gesagten entsteht eine spannende Distanz,
die die Unsicherheit und Unfähigkeit der Charaktere eindrücklich
verdeutlicht. Es dominiert ein ruhiger, meist eindringlicher
Tonfall. Dazwischen wird auch geschrien, die Worte sind dann
zwar nicht mehr sehr deutlich verständlich, die Wut an
der Ungerechtigkeit der Welt dafür umso deutlicher.
«Glaube Liebe Hoffnung» vermag das Publikum während
90 Minuten zu fesseln. Es lässt in eine Welt eintauchen,
wie sie 1932 gewesen sein könnte, schafft jedoch auch
den Aktualitätsbezug. Die Inszenierung bleibt bis zum
Schluss intensiv. Die fünf Schauspieler spielen die verschiedenen
Figuren auf einem konstant hohen Level und Barbara Gassner
gelingt es in ihrer Rolle als Elisabeth, sowohl die liebliche,
unsichere Seite ihrer Figur wie auch die wahnsinnigen Ausbrüche
sehr überzeugend darzustellen.
Ensemblekunst Die Schauspieler agieren auf einem konstant
hohen Level. Werner Rolli/Tuchlaube
ho
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