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Aargauer Zeitung
2005-04-29
Kultur Zeitung
Die erfüllende Verschmelzung ist eine
illusionäre Wunschvorstellung
Theater Tuchlaube Das Frühwerk «Da kommt noch
wer» von Jon Fosse
Das Theater Marie und das Theater Tuchlaube Aarau inszenieren
in einer Koproduktion ein Frühwerk von Jon Fosse. Das
Kernthema des Norwegers, die Einsamkeit, ist bereits vorhanden.
Benedikt Scherer
Da kommt noch wer», 1992 entstanden, ist das erste Theaterstück
des Norwegers Jon Fosse. Es besitzt noch nicht die Reife seiner
späteren Werke, die heute europaweit zur Aufführung
gelangen. Die Figuren sind weniger geheimnisvoll, es schwingt
weniger Unausgesprochenes mit, und die Botschaft wird von
Anfang an überdeutlich verkündet: Die ideale Beziehung
gibt es nicht; Partnerschaften sind von Ambivalenzen geprägt;
jede Liebe kennt auch Eifersucht, Misstrauen, Machtspiele.
Die beiden Protagonisten von Fosses Erstling, ein Mann in
den Fünfzigern und eine Frau um die dreissig, lassen
sich zu Beginn noch von illusionären Wunschvorstellungen
leiten. Sie haben sich gerade ein Haus gekauft, das direkt
am Strand liegt und eine wunderschöne Aussicht aufs Meer
bietet: die perfekte Umgebung für ein Duo, das beschlossen
hat, sich von der Aussenwelt abzukapseln, um sich ganz seiner
Liebe hinzugeben.
Doch schnell tauchen erste Zweifel auf: Könnte es da
nicht etwas Bedrohliches geben, das sie in ihrer trauten Zweisamkeit
stört? Hören Sie nicht manchmal seltsame Klopfgeräusche,
die sie zusammenzucken lassen? Streicht da vielleicht ein
fremder Mensch um das Haus herum? Tatsächlich taucht
nach einiger Zeit
ein Mann auf, der sich als früherer Hausbesitzer zu erkennen
gibt, mit seinem Geld protzt, und der Frau ungeniert Avancen
macht - was der dyadischen Idylle natürlich ein rasches
Ende bereitet.
Eigentümliche Sprachmelodik
Fosses grosses Thema, die unaufhebbare Einsamkeit aller Menschen,
ist hier im Kern also bereits
vorhanden, nur holzschnittartiger und gröber. Was den
Rhythmus und die Musikalität angeht, steht Fosses Erstling
seinen späteren Werken aber in nichts nach. Regisseur
Kurt Grünenfelder zeigt viel Gespür für diese
eigentümliche, von vielen Pausen geprägte Sprachmelodik,
die der gut einstündigen Inszenierung Schönheit
und Kraft verleiht. Ein Umstand, der umso höher zu veranschlagen
ist, als Grünenfelder eigentlich nicht im Regiefach beheimatet
ist. Er eröffnet die neue Reihe «Werkstatt»
des Theaters Marie, in der die Schauspieler des Ensembles
Gelegenheit erhalten, sich auch in anderen Sparten zu bewähren:
als Regisseure, Autoren und Performer.
Seelische Entfremdung
So sorgfältig Fosses Ton auf die Bühne transportiert
wird, so genau spielen Simon Chen und Thimna Fink den Prozess
der Desillusionierung nach, an dessen Ende die Einsicht steht,
dass erfüllende Verschmelzung nicht möglich, die
Vereinzelung unvermeidliche Tatsache bleibt. Grünenfelder,
der auf der Bühne den Hausbesitzer mimt, hat sich für
Abstraktion und Minimalismus entschieden. Das Haus wird mit
einem blauen, rechteckigen Tuch und vier zusammengestellten
Hockern nur angedeutet. Die Akteure bewegen sich auf Routen,
die von rechteckigen Lichtflecken und der Platzierung der
Hocker genau vorgegeben werden. Das ergibt ein schachbrettartiges
räumliches Abbild ihrer jeweiligen seelischen Entfernung
voneinander. Insgesamt wird so aus einem schwächeren
Fosse ein kleines, in sich geschlossenes, hübsch
anzusehendes Kammerspiel.
Ambivalenz der Zweisamkeit Simon Chen und Thimma Fink.
hO
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