Kultur
Der Zürcher
Oberländer vom 10.09.2004
Kuppeln und Chiflen
Solothurn: Uraufführung von Beat Sterchis
Annebäbi im Säli
Gleich zur Saisoneröffnung hat das Theater Solothurn am
Mittwoch einen Knüller gelandet.
An der Uraufführung von Beat Sterchis Annebäbi
im Säli stimmte einfach alles: Stück,
Inszenierung, Darsteller.
Theater im Theater
Es beginnt gleich mit einem Bild für die Götter, wie
gemalt von Deix: Um einen Schragen mit
dem kranken Jakobli stehen steif und zum Teil grotesk aufgetakelt
Mutter Anne Bäbi, Magd
Mädi, Vater Hansli, der Knecht und die Erzählerin.
Es ist die letzte Szene des Stücks Anne
Bäbi Jowäger: Nachdem Jakobli von Mutter krank
gedoktert und fast mit dem bösen Lisi
verkuppelt worden wäre, darf er nun auf Brautschau gehen
und das geliebte Meyeli wyben.
Rücksturz zur Erde. Im Säli des Landgasthofts hantiert
Servierdüse Marija und flucht zu
Schlagermusik kroatisch über die Liebe. Nach und nach trifft
die Laiengruppe ein, die das
Anne Bäbi proben will (Gotthäuf
ziet haut gäng). Und auch diese fünf bringen
ihr je
eigenes Gstürm mit.
Ein Bienenstock
Natascha (Meyeli/Lisi) schmollt, weil Jack/Jakobli nur an seinen
Spoiler denkt.
Michaela/Mädi schwebt in Explosionsgefahr, aus Beziehungsstress
und Neid auf Natascha,
die bei Miss Coop Mittelland in die zweite Runde
kam. Ex-Bauer Hans/Hansli hat Ehe- und
Geschäftssorgen, und Dagmar/Anne-Bäbi muss einen Immobilienhandel
anteiggen.
Dieser Bienenstock macht es Regisseur Holger - usgrächnet
a Dütsche, da verschteit doch
nüüt vo Gotthäuf! - schwer. Dauernd klingelt
ein Handy. Ein Teil des Ensembles ist
verhindert - Pauschalreise, abverreckter Traktor-, sodass Marija
den Part des Erzählers
übernehmen und die süss-saure Natascha sowohl das
liebe Meyeli als auch das böse Lisi
spielen muss.
Neuen Regieeinfällen gegenüber ist diese hinterwäldlerische
Schrumpfkolonne nicht gerade
aufgeschlossen. Mache mers doch wie früecher,
lautet die Devise. Doch allmählich
wachsen alle in Holgers Regie hinein. Nach der Pause sehen wir
eine ganz passable
Generalprobe einer wirklich bemerkenswerten Inszenierung, und
lange fällt keiner aus der
Rolle.....
Heiterefane und hueresiech
Gotthelf einst und jetzt, die einen sagen heiterefane,
die andern hueresiech. Die
Probleme ähneln sich: Wie Anne Bäbi Jakobli in Krankheit
hinein manipuliert, so pfuschen
auch die Darsteller an ihren Nächsten und ihrem Liebesleben
herum, bis alles darniederliegt.
Spiel im Spiel im Spiel: Alle machen um alles ein Theater,
statt gesundes Gefühl walten
lassen. Und das - neudeutsch play games - ist das
Eigentliche, mit dem Beat Sterchi
Gotthelf-Zeit und Heute verbindet - Zuppigers ade!
Doch darin erschöpft sich die Rafinesse des Stücks
noch lange nicht. Die Dialoge sind
geschmeidig, der Rhytmus ungebrochen, das Altertümelnde
durch leichte Stilisierung
entromanisiert, Wortspiele und -konzerte wohldosiert eingebaut.
Obwohl es ein
Auftragsstück fürs Gotthelf-Jahr ist, zeigt es keine
Spur von Gezwungenheit.
Kongenial inszeniert
Regisseurin Lilian Naef setzt das Ganze kongenial um. Einfälle
- etwa wenn sich die
Winkenden wie eine Kulisse hinter den Abreisenden wegschieben
- setzt sie so ein, dass sie
den Text nicht konkurrenzieren. Auch in der Schauspielerführung
beweist sie Geschick.
Gestik und Mimik stimmen - auf der Realitätsebene präzis,
auf der Theaterebene überhöht,
ohne zu verulken. Im Ensemle ist jeder ein eigener Charakter.
Nicht einmal die
Herumhampelei von Michaela/Mädi Thimna Fink wirkt künstlich.
Irene Widmer, SDA |
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Mittelland Zeitung, 19.11.2004
Lenzburg Tabloid
Gotthelf, garniert mit Ochsenmaulsalat
Lenzburg Mit «Anne Bäbi im Säli»,
Geld und Geist wird der 150. Todestag von Albert Bitzius begangen.
heiner halder
«Das mir de Gotthelf nid chöne mache wie anderi au!»,
seufzt Hansli. Die
Oberemmentaler Laienbühne probt im «Ochsen»-Säli
zum x-ten Mal in bester
schweizerischer Volkstheatertradition. Nur: der aus Deutschland
importierte
Regisseur führt da so neumodisches Zeug ein. Und natürlich
ist auch die Läbtig der
Laiendarsteller nicht mehr so, wie es in den guten alten Gotthelf-Zeiten
schon gar nie
gewesen war. Theaterrealität und Alltagsrealität widersprechen
sich diametral.
Das wird, hueresiech, nicht nur bei den Nachwuchs-Spielleuten
manifest, sondern
drückt auch bei den bestandenen Bühnenstars durch.
Was auf den Brettern nach
Gotthelfscher Manier mit Irrungen und Wirrungen gemauschelt
und verkuppelt wird,
passiert natürlich auch draussen in der modernen Welt.
Nur ist das Heimetli
verschachert, der Stallgeruch verdampft, das bluemete Trögli
verdorrt. Und als
Erzählerin setzt die «Jugo-Servierdüse»
vom «Ochsen» mit ihrem lasziven Blick und
dem balkanesischen Akzent die behäbigen Bauern mit ihren
berndeutschen Brocken
ins Abseits.
Die gesellschaftskritischen Erkenntnisse des Jeremias Gotthelf
aber sind auch nach
150 Jahren noch aktuell, und wenn sie so originell verpackt
und zusammen mit
Ochsemuulsalat frisch serviert werden wie das «Annebäbi
im («Ochsen»-) Säli» kann
man sich nicht nur von Herzen freuen darob, sondern auch aus
vollem Herzen
lachen dazu. Das Auftragswerk von Beat Sterchi in der Inszenierung
von Theater
Marie und Theater Biel Solothurn, Tuchlaube Aarau und Schlachthaus
Bern, geht
unter der Regie von Lilian Naef zwar mit der historischen Vorlage
recht respektlos
um, wie notabene auch die Gotthelf-Filme, Hörspiele und
Heimatschutztheater zuvor,
doch bleibt die Kernaussage präsent.
Und genau darum geht es Vizeammann Kathrin Nadler bei ihrer
Inszenierung der
Lenzburger Gotthelf-Woche. Der einst ebenso geschätzte
wie verfemte
Gesellschaftskritiker werde verkannt, habe uns auch heute noch
etwas zu sagen,
wenn nur die Staubschicht von dessen überstrapazierten
Adaptionen weggeblasen
werde, befand die Lenzburger Kulturministerin.
Und so gelangte eine gut gelaunte Zuhörerschar nicht im
«Ochsen»-Säli, sondern im
Alten Gemeindesaal in den Genuss einer gar köstlichen Komödie.
Wer sie verpasst
hat, hat am kommenden Sonntag, 21. November, 20.15 Uhr nochmals
Gelegenheit,
das rässe, resolute Annebäbi, welches das hochgesteckte
Haar wie eine
Königskrone trägt, den Pantoffelhelden Hansli, der
nicht auch noch auf der Bühne
wärche will, den armen Jakobeli, welcher mit wybe gesund
werden soll, das
liebreizende Meyeli und das unsägliche Lisi, die burschikose
Magd Mädi und den
resignierenden Regisseur sowie die hinreissende Servierdüse
Marija kennen zu
lernen. |
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©
St. Galler Tagblatt,
2004-09-11
Kultur
Hauptblatt
Gotthelf als Ereignis
Uraufführung in Solothurn: Beat Sterchis «Anne
Bäbi im Säli»
Nun hat das Gotthelf-Jahr doch noch einen Höhepunkt:
Beat Sterchis originelle und kluge Adaption von «Anne
Bäbi Jowäger» am Theater Biel Solothurn.
Charles Linsmayer
Das Beglückendste an dieser mit dem Freien Theater Marie
koproduzierten Inszenierung ist die Sprache: das aus dem Roman
herausgefilterte Emmentalische, das in seiner ganzen poetischen
Kraft erlebbar gemacht wird - in den zornigen Kraftausdrücken
und der malerischen Melodik ebenso wie in seiner Fähigkeit,
Gefühlvollstes völlig unsentimental umzusetzen.
Ein
Sprachen-Wunder
Dass dies gelingt, hängt wesentlich an den Fähigkeiten
der Spielerinnen und Spieler: Thimna Fink als rässe Magd
Mädi, Barbara Grimm als urbernisch verstocktes Anne Bäbi,
Simon Chen als rührend-naiver Jakobli, Hanspeter Bader
als der sture Hansli und Julia Glaus in der Doppelrolle als
lieblich säuselndes Meyeli und frech auftrumpfende Lisi.
Hinzu kommt, dass der Dialekt unentwegt in Frage gestellt
und verfremdet wird durch Sprachen, die seine Unverwechselbarkeit
erst eigentlich hervorheben: andere Dialekte, die immer dann
da sind, wenn das Spiel im Spiel aufgebrochen wird, das Eng-lische,
das ins Handy geschrien wird, das Hochdeutsche, mit dem Regisseur
Holger Tetschke alias Kurt Grünenfelder den Hinter-
wäldlern
zwischen «Gotthelf, vergib ihnen!» und «Fassbinder
wäre stolz auf euch!» modernes Theater beibringen
will, sowie das an Dragica Rajcic
geschulte Kroatendeutsch, mit dem Barbara Gassner als Erzählerin
dem Gotthelf-Ton südosteuropäische Klänge gegenüberstellt.
Sterchis Stück, das sich mit Respekt aus dem Roman instrumentiert
und gleichwohl eigenständig bleibt, ist zwar Theater
im Theater, indem es eine Gruppe Laienschauspieler vorführt,
die im Säli des «Ochsen» Gotthelf proben.
Aber weil die privaten Konflikte der Beteiligten im Stück
ihre Entsprechung beziehungsweise Kontrastierung finden und
die Ebenen sich manchmal kaum mehr entwirrbar vermischen,
weist die Komposition weit über übliche Komödienmuster
hinaus und schafft Momente, in denen nicht nur Gotthelf und
seine Sprache, sondern das Urthema von Sein und Schein, das
Phänomen Theater und, in hintergründigstem Sinn,
das Regieführen selbst zum Thema werden.
Zwischen Ernst und Ironie
Regisseurin Lilian Naef, die ihr Metier wie vier der sieben
Protagonisten an der Schauspielschule Bern gelernt hat, gelingt
es auf wunderbar einleuchtende Weise, die ganz und gar nicht
heimattümelnde, sondern herb-holzschnittartige Geschichte
der Bäuerin Anne Bäbi in träfen Bildern zu
verknüpfen mit der Verlobungsgeschichte ihres tumben
Sohns Jakobli - und dieses Ganze dank unzähligen glücklichen
Einfällen so zu ironisieren, dass das begeisterte Premieren-publikum
nicht mehr recht wusste, ob es zweifeln oder glauben, träumen
oder schmunzeln, lachen oder weinen sollte.
Weitere Aufführungen in Solothurn, danach in Aarau und
Bern
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© Tages-Anzeiger,
2004-09-10
Kultur
Ochsenmaul und Mieder
Beat
Sterchis «Anne Bäbi im Säli» am Theater
in Solothurn droht Jeremias Gotthelfs Erzählwelt zu überspielen.
Von
Charlotte Staehelin
Das Anne Bäbi weiss, was recht ist. Der Hof mit dem tiefen
Dach und dem Baumgarten ist gepflegt, im Stall stehen neben
einem Ross auch drei bis vier Kühe. Und hinter dem Haus
türmt sich ein Misthaufen, «das eigentliche Herz
des Berner Bauernhofes», wie es bei Jeremias Gotthelf
heisst.
Zwei Romanteile hat er vor rund 160 Jahren seinem «Anne
Bäbi Jowäger» gewidmet, der stolzen
Frauenfigur, die nur ungern etwas aus der Hand gibt und, selbst
wenn sie es gut meint, wiederholt Schaden anrichtet und Kummer
erleidet. Geschickt knüpft der Autor medizinische und
theologische Diskurse an das Leben rund um den Jowägerhof.
Gesellschaftskritische Gedanken zum Nutzen und zu den Grenzen
der Medizin und zur Verantwortung dem Leben gegenüber.
Das sind zum Teil Textpassagen, die heute nicht mehr einfach
zu verstehen, aber anregend sind.
Ein
Theater im Theater
Ob sie (noch) für die Bühne taugen, lässt sich
nach dem Besuch von Beat Sterchis «Anne Bäbi im
Säli», einem Auftragsstück zum Gotthelf-Jahr,
koproduziert von dem Theater Marie, Theater Biel Solothurn,
der Aarauer Tuchlaube und dem Schlachthaus Theater Bern, nicht
richtig beurteilen. Denn das Schwergewicht seiner sehr freien
Romanadaption legt der Berner Autor auf die Liebesgeschichte
zwischen Anne Bäbis von Pockennarben
entstelltem Sohn Jakobeli und dem schlichten Meyeli. Das wäre
eine schöne, aufregende Geschichte, doch leider lässt
Sterchi sie nicht bei Gotthelf. Sondern holt sie in den Saal
des Gasthauses Ochsen und legt sie den Oberemmentaler Spielleuten
in die Hände. Zwischen Hirschgeweih und Bierhumpen wird
emsig geprobt (Bühne: Heidy-Jo Wenger). Das Publikum
ist mit von der Partie und braucht ziemlich Geduld, bis die
Rollen alle verteilt, die Eifersüchteleien ausgetragen
und die ersten Leseproben zu Ende gestottert sind.
Kurt Grünenfelder interessiert sich in seiner Rolle als
Regisseur Holger Tetschke mit weit ausholenden Bewegungen
mehr für Atemübungen und Gruppendynamik als für
Gotthelfs Figurenwelt. Thimna Finks burschikose
Manuela kämpft am Handy auf verlorenem Posten mit einem
englisch sprechenden «Hueresiech». Natascha (Julia
Glaus), in feinen Sandaletten und blond, träumt davon,
zur Miss Coop Mittelland gewählt zu werden, und Barbara
Gassner serviert als kroatische Kellnerin den Ochsenmaulsalat
mit so viel Extravaganz, dass sie von Tetschke umgehend als
Erzählerin engagiert wird.
Das alles ergibt eine solide, zum Teil bissige Komödie.
Doch vermögen die modernen Figuren die
Romanvorlage nicht ganz in der Gegenwart zu spiegeln. Das
«Anne Bäbi» droht überspielt zu werden.
Umso schöner sind der Anfang und das Ende des Abends,
wenn die Figuren ganz in ihren Rollen drin sind. Dazu wurden
sie von Rudolf Jost in üppiges Tuch gesteckt, in mächtige
Mieder, Hemden mit weit fallenden Ärmeln
und Perücken, die wie überdimensionierte Wollknäuel
an den Schädeln pappen. Da gelingen der Regisseurin Lilian
Naef zauberhafte Bilder. Statisch, fremd, beinahe unheimlich.
Das (gotthelfsche) Berndeutsch entwickelt sich im Zusammenspiel
mit Christian Brantschens skizzenhafter Musik zum berauschenden
Sprechgesang. Und das verfahrene Dreieck zwischen dem resoluten
Anne Bäbi (Barbara Grimm), ihrem nachgiebigen Partner
Hansli (Hanspeter Bader) und Simon Chen, der seinen Jakobeli
mit ängstlichem Gleichmut erfüllt, beginnt zu wirken.
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