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© Aargauer Zeitung 2005-02-18

Kultur Zeitung

Erbsen essen und getreten werden

Theater Marie Georg Büchners «Woyzeck» im Theater Tuchlaube in Aarau

Georg Büchners «Woyzeck» ist ein Wurf. Für das Theater Marie und Gastregisseurin Pamela Dürr Ansporn genug, den modellhaften Stoff mit körpersprachlichen Akzenten auszuloten.

Roland Erne
Georg Büchners 1836 in Zürich entstandene, aber erst 1913 in München uraufgeführte Szenenfolge blieb Fragment, hat aber alle Anlagen zu einem grossen Stück. Auf der Folie eines authentischen Falls entwickelt, weitet sich sein «Woyzeck» zur allgemein gültigen Demaskierung eines bodenlosen Daseins. Woyzeck, Soldat und Gelegenheitsarbeiter, sieht sich von allen Seiten bedrängt und erniedrigt.
Der Doktor hat ihn gegen bescheidenes Entgelt für medizinische Experimente eingespannt und füttert ihn ausschliesslich mit Erbsen - getreu der höhnischen Devise: «Der Mensch ist frei.» Der Hauptmann lässt sich von ihm rasieren und traktiert ihn dabei mit schwadronierender Aufdringlichkeit: «Er sieht immer so verhetzt aus. Ein guter Mensch tut das nicht, ein guter Mensch, der sein gutes Gewissen hat.» Und Marie, mit der er ein Kind hat, nimmt zwar sein Geld, betrügt ihn aber mit dem Tambourmajor. Früh schon ahnt sie denn auch: «Der Mann! So vergeistert. Er schnappt noch über mit den Gedanken.»

Abstraktion statt Naturalismus
In diesem Umfeld zerrieben und von inneren Stimmen verfolgt, greift Woyzeck zum Messer und ersticht Marie, die für ihn ein letztlich haltloser Rettungsanker war. Woyzecks Leidensweg endet an einem Teich, unter dem Mond, der ihm «wie ein blutig Eisen» erscheint. Ob Woyzeck, Opfer lebensfeindlicher Verhältnisse, den Tod findet oder aber zur Rechenschaft gezogen wird, bleibt offen.
Die von Büchner vorgezeichneten Bilder nutzt Gastregisseurin Pamela Dürr nun für eine stringente und über weite Strecken dichte Inszenierung, die wohlweislich ohne naturalistische Kodierung auskommt. Da gibt es weder Dekor noch Requisiten, der Spielraum ist eine nackte, lediglich von Scheinwerfern am Boden flankierte Bühne.
Zentral in ihrer konsequent auf Abstraktion setzenden Umsetzung sind Georg Büchners zeitlos präzise Sprache mit hessischer Färbung und die teils etwas forciert wirkende Körperarbeit des kleinen Ensembles, das sich in uniformer Einkleidung (Ausstattung: Inge Klossner) über zwanzig Rollen teilt.

Körperbetonte Sprechhaltungen
Simon Chen, Thimna Fink, Barbara Gassner und Kurt Grünenfelder tragen graubraune Stretch-Anzüge, die sich leicht mit wurstartigen Polstern ausformen lassen. Ob breite Schultern oder feister Bauch, schwere Brüste oder in Stellung gebrachtes Gemächt: Körperbetonte Sprechhaltungen prägen die choreografierten Auftritte von Büchners Personal.

Chorisch agierendes Quartett
Dürr, nach ihrer Berner Schauspielausbildung als Regisseurin auch dem Schlachthaus Theater verbunden, gruppiert die vier Schauspielerinnen und Schauspieler immer wieder als chorisch agierendes Quartett (wie zum bedrängenden Schlussbild) und ineinander verkrallte Paare. Etwa im Zusammentreffen von Woyzeck (Simon Chen) mit dem fratzenhafte Machtanmassung verkörpernden Doktor (Barbara Gassner) oder in der Begegnung desselben mit dem verrenkt in den Knien stehenden Hauptmann (Kurt Grünenfelder).
Neben diesen offensichtlich Deformationen spiegelnden Karikaturen behauptet sich Marie (Thimna Fink) als ihrem sinnlichen Instinkt folgende Kreatur, die Simon Chens (zu) fahrig bleibenden Woyzeck vollends aus der schlingernden Bahn wirft.